Der Versuch, die fuenf Wochen Indien zu beschreiben, den Eindruecken und Emotionen auch nur annaehernd gerecht zu werden, kann nur scheitern. Das Grossartige und das Abscheuliche vereint in ein und demselben Ding. Das Schoene und das Haessliche gesehen im makellosen Gesicht eines bettelnden Kindes aus dessem Hinterkopf eine honigmelonengrosse Verformung wuchs. Ein Bild, das ich nicht vergessen werde. Den Widerspruechlichkeiten und Gegensaetzlichkeiten, die dieses Land kennzeichnen, ist sprachlich nicht beizukommen.
Was in Erinnerung bleiben wird, ist das grunzende Geraeusch, des aus den letzten Verzweigungen der Bronchien Hervorholens des Schleims, gefolgt vom lauten Ausspucken desselbens. Gelbe Geschosse, die die indische Luft durchschneiden. An das andauernde Gehupe, Gekllingle und Geschrei gewoehnt man sich deswegen nicht, weil in unregelmaessigen Abstaenden ein besonders lautes Gehupe, Geklingle und Geschrei dem bereits aufs aeusserste angespanntem Trommelfell noch einmal einen heftigen Tritt versetzt. In den grossen Staedten (kleine gibt es eh nicht) dominiert der Geruch von Abfall und Vaekalien, die von den herumstreunenden Hunden und Kuehen gefressen werden. Die Duefte nach exotischen Gewuerzen und Raeucherstaebchen duefrten irgendwann im letzten Jahrhundert verraucht sein.
Wir verbrachten ueber 50 Stunden in Schlafabteilen der indischen Eisenbahn. Dass es in Indien als unhoeflich gilt, jemandem die Fuesse entgegen zu strecken, muss den Phantasien westlicher Reisefuehrerschreiber entsprungen sein. Noch nie wanderten so viele nackte Fuesse durch mein Gesichtsfeld, die wenigsten davon waren sauber. Das staendige Geschmatze, Geruelpse, Gespucke und Geschnarche, die staendigen Beruehrungen, das Gedraenge, das komplette Fehlen eines Gefuehls fuer Distanz zerrten manchmal sehr an unseren Nerven.
Aber die Zuege fahren, pulsierenden Stroemen gleich, entlang der Lebensadern die den Subkontinent durchziehen. Nie puenktlich aber oft rechtzeitig. Kinder sieht man nicht nur betteln, viel mehr sieht man in grauen Roecken oder Hosen mit weinroten Pullundern und Buechern unter dem Arm. Uniformierte Schulkinder, zu hunderten, die das Bild ganzer Strassenzuege praegen. Ein Drittel aller Inder ist unter 16, fuer uns Europaeer ein ganz ungewohntes Bild.
Was vor allem bleibt, ist die staendig sich aufdraengende Frage, wie kann das alles funktionieren. Was haelt dieses Rad am Laufen? Die typische Antwort auf die Frage, ob etwas moeglich sei, oder ob dies oder das zu bekommen waere, lautet in Indien immer "Why not?"
In Darjeeliing kam mir der Roman "Das Gleichgewicht der Welt" von Rohinton Mistry in die Finger. Ich konnte ihn nicht mehr weglegen bis ich die knapp 800 Seiten gelesen hatte. Ich sah Indien in seiner ganzen Schoenheit und Haesslichkeit deutlich vor mir. Alles was im Roman beschrieben wird, halte ich fuer moeglich und der Realitaet entsprechend.
Diese ganzen Eindrücke sind wohl sehr schwer zu fassen und noch schwerer stelle ich es mir vor die nötige Abgrenzung zu schaffen. Ich denke, ich könnte das nicht. Aber ich bin euch sehr dankbar, dass ihr uns an euren Erlebnissen und Erfahrungen teilhaben lasst.
AntwortenLöschenLg Michi
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
AntwortenLöschenhabe den romantipp notiert, wobei eure einträge auch sehr guter stoff sind. da können die gegensätzlichkeiten noch so gegensätzlich sein.
AntwortenLöschendenke an euch zwei abenteurer
alles liebe holger
ps: konnte mich an unser altes gemeinsames blogpasswort nicht mehr erinnern. shame on me.
@holger: das passwort wuesste ich auch nicht mehr, mal schauen ob wir mal wieder eines brauchen.
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