Donnerstag, 27. Januar 2011

Kleine Haende in kleinen Haenden

Ein vielleicht fuenfjaehriger Junge streckt mir seine schmutzigen Haende entgegen und ich giesse Wasser aus einer Teekanne ueber sie. Als das abrinnende Wasser nicht mehr kohlrabenschwarz ist, nimmt er die Haende seiner vielleicht zweijaehrigen Schwester in seine und waescht diese. Wo die Eltern sind weiss ich nicht. Ganz sauber werden diese kleinen Haende nicht. Nicht mit kaltem Wasser. Hinter mir geht Sabina, eine Sozialarbeiterin aus Zuerich. Sie verteilt Blechteller an die gewaschenen Haende. Sabina folgen nochmal drei Freiwillige, die aus Kuebeln Reis, Dhaal und Gemuese in die Teller schoepfen.

Es ist ein beliebiger Tag im Jaenner in Kathmandu. Essensausgabe in der von ROKPA betriebenen Gassenkueche nahe der Stupa von Bodnath. Auf langen Bambusstangen, die in ca. 20 cm Hoehe auf in die Erde geschlagenen Pfosten montiert sind, draengen sich an die 300 Menschen. Nur wer sitzt bekommt etwas in den Teller. Alles andere wuerde Chaos bedeuten. Viele stehen mit den vollen Tellern auf und ziehen sich in eine Ecke des 500 Quadratmeter grossen Areals zurueck. Andere setzen sich ans Ende einer der anderen Stangen oder draengen sich irgendwo dazwischen, um einen Nachschlag zu ergattern.

Es ist 12:00 und bereits sehr warm, doch in der Nacht herrschen Temperaturen um den Gefrierpunkt. Gemeinsam mit Sandra liege ich dann in unseren neuen Schlafsaecken im Guesthouse und schlafe. Viele Gaeste der Gassenkueche schlafen in Zelten oder in Gebaeudenischen auf einer Schicht Pappe, gewaermt von ein paar Lumpen und dem Schmutz der sie ueberzieht. Am meisten Leid tun mir die Kinder, die am Morgen schlotternd in die Gassenkueche kommen und heissen Tee und ein Brot bekommen. Wir geben zwei mal taeglich Mahlzeiten aus, fuer jeden, der es in die Gassenkueche schafft. Um 8:00 gibt es Tee und Roti um 12:00 gibt es Dhaal Bhat.

Am Vormittag beginnt fuer die Kinder der Tag zum zweiten mal. Nach der Fruehschicht, in der sie die Glaubigen, die um die Stupa wandern, anbetteln, heften sie sich nun an die Fersen der ersten Touristen. Viele der Kinder kennen uns schon, und nicht selten hoeren Sandra und ich bei unseren Spaziergaengen um die Stupa ein "Meickel" oder ein "Santra" aus irgend einer Ecke. Oder wir bekommen ein ungeniessbares Bonbon geschenkt, gemeinsam mit grossen Augen, die darauf warten, bis das Geschenk endlich im Mund verschwunden ist. Einmal trafen wir das Maedchen mit den zwei Daumen an der rechten Hand. Ich weiss ihren Namen nicht, aber hinter einer Schicht Staub verbirgt sich das bezauberndste Wesen. Sie verteilte Kaugummis an uns und nahm unsere unsichere Hand in ihre. Sie fuehte uns zu ihrem Schlafplatz, ein Stueck Karton hinter einem Obststand. Das Maechen mit den zwei Daumen ist vielleicht 7 Jahre alt, sie hatte einen duennen Pullover, eine zerissene Hose und Plastikschlapfen an. Es war Nacht und sie war allein. Wir kamen vom Abendessen und gingen mit Traenen in den Augen nach Hause. (In der Zwischenzeit wurde das Kind, ihren Namen wissen wir jetzt, in der Gassenkueche gebadet, mit neuen Kleidern ausgestattet und in ein Kinderhaus untergebracht. Sie wirkte sehr sehr gluecklich.)

Nachdem alle auf der Stange Sitzenden die Haende gewaschen haben, stelle ich mich zum Ausgang, und die mit dem Essen fertig sich, koennen sich nochmal die Haende waschen oder Wasser trinken. Nicht selten liegen einige unserer Gaeste ein paar Haeuserecken weiter im Staub und halten einen Verdauungsschlaf.

Margrit, die Organisatorin und Chefin des Projekts erzaehlte, dass dieses Jahr sehr viele Gaeste in die Gassenkueche kommen. Die Preise fuer Lebensmittel sind in den letzten Jahren sehr gestiegen und eine Mahlzeit ist nicht mehr fuer jeden erschwinglich. Lastentraeger und Muelleinsammler gehoeren genauso zu unseren Gaesten wie Schulkinder und Bettler. Ein Teil der Maenner und Frauen sind Alkohol und Drogensuechtig. Manchmal bilde ich mir ein, die Perspektivenlosigkeit in ihrem Blick zu erkennen, aber vielleicht ist es bloss der leere Blick eines Leimschnuefflers. Besonders nach budhistischen Festen, wenn die Moenche in Spendenlaune sind, steigt der Alkoholkonsum betraechtlich. Torkelnde und streitende Gaeste bevoelkern dann die Gassenkueche, oft keine leichte Kundschaft. Ich habe dann manchmal den Eindruck, uns wird nicht die uns zustehende Dankbarkeit entgegen gebracht. Vergesse dabei aber, dass Dankbarkeit fuer ein Leben auf der Strasse keine gueltige Kathegorie ist.

Manchmal besuchen Margrit ehemalige Kinder der Gassenkueche, die jetzt studieren oder zur Schule gehen. Margrit ist seit 16 Jahren jeden Winter in Kathmandu, und die lachenden Jugendlichen in ihren Schuluniformen, denen sie eine Zukunft ermoeglicht hat, troesten hinweg ueber die zahlreichen Gesichter, die im Laufe der Zeit einfach verschwunden sind. Glaube ich!

Mittwoch, 12. Januar 2011

Indien, was in Erinnerung geblieben ist.

Der Versuch, die fuenf Wochen Indien zu beschreiben, den Eindruecken und Emotionen auch nur annaehernd gerecht zu werden, kann nur scheitern. Das Grossartige und das Abscheuliche vereint in ein und demselben Ding. Das Schoene und das Haessliche gesehen im makellosen Gesicht eines bettelnden Kindes aus dessem Hinterkopf eine honigmelonengrosse Verformung wuchs. Ein Bild, das ich nicht vergessen werde. Den Widerspruechlichkeiten und Gegensaetzlichkeiten, die dieses Land kennzeichnen, ist sprachlich nicht beizukommen. 

Was in Erinnerung bleiben wird, ist das grunzende Geraeusch, des aus den letzten Verzweigungen der Bronchien Hervorholens des Schleims, gefolgt vom lauten Ausspucken desselbens. Gelbe Geschosse, die die indische Luft durchschneiden. An das andauernde Gehupe, Gekllingle und Geschrei gewoehnt man sich deswegen nicht, weil in unregelmaessigen Abstaenden ein besonders lautes Gehupe, Geklingle und Geschrei dem bereits aufs aeusserste angespanntem Trommelfell noch einmal einen heftigen Tritt versetzt. In den grossen Staedten (kleine gibt es eh nicht) dominiert der Geruch von Abfall und Vaekalien, die von den herumstreunenden Hunden und Kuehen gefressen werden. Die Duefte nach exotischen Gewuerzen und Raeucherstaebchen duefrten irgendwann im letzten Jahrhundert verraucht sein.

Wir verbrachten ueber 50 Stunden in Schlafabteilen der indischen Eisenbahn. Dass es in Indien als unhoeflich gilt, jemandem die Fuesse entgegen zu strecken, muss den Phantasien westlicher Reisefuehrerschreiber entsprungen sein. Noch nie wanderten so viele nackte Fuesse durch mein Gesichtsfeld, die wenigsten davon waren sauber. Das staendige Geschmatze, Geruelpse, Gespucke und Geschnarche, die staendigen Beruehrungen, das Gedraenge, das komplette Fehlen eines Gefuehls fuer Distanz zerrten manchmal sehr an unseren Nerven.

Aber die Zuege fahren, pulsierenden Stroemen gleich, entlang der Lebensadern die den Subkontinent durchziehen. Nie puenktlich aber oft rechtzeitig. Kinder sieht man nicht nur betteln, viel mehr sieht man in grauen Roecken oder Hosen mit weinroten Pullundern und Buechern unter dem Arm. Uniformierte Schulkinder, zu hunderten, die das Bild ganzer Strassenzuege praegen. Ein Drittel aller Inder ist unter 16, fuer uns Europaeer ein ganz ungewohntes Bild.

Was vor allem bleibt, ist die staendig sich aufdraengende Frage, wie kann das alles funktionieren. Was haelt dieses Rad am Laufen? Die typische Antwort auf die Frage, ob etwas moeglich sei, oder ob dies oder das zu bekommen waere, lautet in Indien immer "Why not?"

In Darjeeliing kam mir der Roman "Das Gleichgewicht der Welt" von Rohinton Mistry in die Finger. Ich konnte ihn nicht mehr weglegen bis ich die knapp 800 Seiten gelesen hatte. Ich sah  Indien in seiner ganzen Schoenheit und Haesslichkeit deutlich vor mir. Alles was im Roman beschrieben wird, halte ich fuer moeglich und der Realitaet entsprechend. 


Mittwoch, 5. Januar 2011

Emotionaler Blogeintrag von Sandra

Menschen, die zu uns in die Gassenkueche kommen:

Kleine Kinder, die noch kleinere Kinder auf dem Ruecken tragen.
Kinder, die so schmutzig sind, dass ich sie am Liebsten in eine Badewanne stecken moechte.
Kinder, die keine Kinder mehr sein koennen/duerfen, weil sie auf der Strasse ueberleben muessen.
Kinder, deren Eltern beeintraechtigt sind und deshalb keiner Arbeit nachgehen koennen, die ohne finanzielle Unterstuetzung kaum eine Chance auf Bildung haben.
Kinder mit so leuchtenden Augen, dass mir das Herz weh tut, wenn ich anfange zu ueberlegen, wie diese Kinder leben muessen.
Kinder, die kaum mehr als ein T-Shirt und Flip Flops anhaben, waehrend ich in meinen guten Bergschuhen friere.
Kinder, die mit ihren Eltern kommen und deren Eltern so betrunken sind, dass sie kaum mehr gehen koennen. Ganz schlimm, wenn das Baby dann gleichzeitig auch noch gestillt wird.
Kinder, die ganz wunderbar und bezaubernd sind!

Frauen, die so betrunken sind, dass sie nicht mehr wissen wo sie sind.
Frauen, die ihre kleinen, suessen  Kinder schlagen.
Frauen, die wunderschoen sind.
Frauen, die sich liebevoll um ihre Kinder kuemmern.
Frauen, die von ihren Maennern so gruen und blau geschlagen werden, dass einem ihr Anblick Traenen in die Augen treibt.
Frauen, die sehr dankbar und liebenswert sind.

Maenner, die so betrunken sind, dass sie vor dem Essen einschlafen.
Maenner, die ihre Frauen krankenhausreif pruegeln.
Maenner, die sich so schaemen, dass sie mir nicht in die Augen schauen koennen.
Maenner, bei denen ich das Gefuehl habe, sie verachten mich (ich bin schliesslich auch "nur" eine Frau).
Maenner, die aggressiv sind.
Maenner, die sehr nett und freundlich sind.
Maenner, die sehr dankbar und liebenswert sind.